Stellt euch vor, ihr schlendert gemütlich mit eurem liebsten Vierbeiner durch den Wald. Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint, alles ist friedlich. Und dann… passiert es.
Kapitel 1: Der Mensch – Das große Rätselraten
Zuerst ist da nur eine kleine Veränderung. Euer Hund, der eben noch verträumt an einem Grashalm schnüffelte, friert plötzlich ein. Seine Ohren zucken wie kleine Radarschüsseln, und sein Schwanz, der vorher noch so fröhlich wedelte, wird zu einer strammen, senkrechten Antenne. Ihr seht ihn an und denkt: „Aha, eine Maus? Ein Eichhörnchen? Oder hat er sich wieder selbst erschreckt, weil ein Blatt herunterfiel?“
Ihr versucht, seiner Blickrichtung zu folgen, aber da ist… nichts. Nur Bäume, Büsche, und vielleicht ein alter Pilz. Ihr kneift die Augen zusammen, dreht den Kopf hin und her, fast so, als würdet ihr versuchen, durch eine unsichtbare Wand zu blicken. Dann seht ihr, wie die Nüstern eures Hundes arbeiten. Sie pumpen, sie zittern, sie nehmen Düfte auf, die für euch so unsichtbar sind wie die Gedanken eurer Schwiegermutter. Für ihn ist es wie ein 4K-Kinoerlebnis in 5D, mit Geruch! Für euch? Ein Standbild.
Und dann kommt die Reaktion. Von einer Sekunde auf die andere verwandelt sich euer treuer Begleiter in eine Rakete, die von einem unsichtbaren Startsignal gezündet wurde. Er schießt los, zieht euch fast den Arm aus der Schulter, und ihr ruft panisch: „Bleib! Sitz! AUS!“ Während ihr noch versucht, eure Balance wiederzufinden und nicht im nächsten Dornenbusch zu landen, ist euer Hund schon eine verschwommene braune oder schwarze Linie am Horizont.
Ihr steht da, mit der Leine (oder dem, was davon übrig ist) in der Hand, und fragt euch, was zum Teufel gerade passiert ist. War es ein Reh? Ein Hase? Oder doch nur der Nachbarskater, der sich heimlich davonschlich? Ihr seht euch um, als würde das Wild jeden Moment aus einem Gebüsch springen und euch die Antwort zuraunen. Aber nichts. Nur Stille. Und dann setzt ihr euren Spaziergang fort, mit einem leicht schmerzenden Arm und der Gewissheit, dass euer Hund gerade die Jagd seines Lebens (oder zumindest der letzten fünf Minuten) erlebt hat, während ihr nur hilflos zugesehen habt. Der Mensch: Ein stummer Beobachter im epischen Drama der Wildwitterung.
Kapitel 2: Der Hund – Ein Fest für die Nase
Für den Menschen ist der Wald eine Symphonie aus Geräuschen und Anblicken. Für den Hund ist er ein olfaktorisches Meisterwerk. Jeder Grashalm, jeder Stein, jeder Windhauch ist eine Botschaft. Und dann, mitten in dieser duftenden Bibliothek, kommt dieser Geruch.
Stellt euch vor, ihr lauft gemütlich durch einen Blumenladen, und plötzlich riecht ihr nicht nur die Rosen, sondern auch den genauen Zeitpunkt, wann sie geschnitten wurden, wer sie gegossen hat und ob der Gärtner heute Morgen Kaffee getrunken hat. So ähnlich ist das für den Hund, nur mit Wild.
Wenn die Nase des Hundes die erste Wildwitterung auffängt, ist das wie ein sofortiger Alarmzustand. Es ist nicht nur „ein Tier“, es ist „dieses spezifische Reh, das letzte Nacht hier vorbeikam, weiblich, hat gerade ein bisschen Gras gefressen und ist vor drei Minuten in diese Richtung gelaufen!“ Der Geruch ist für ihn ein High-Definition-Bild, ein Steckbrief mit allen Details.
Seine Ohren schnellen hoch, seine Nase beginnt wie ein Hochleistungssauger zu arbeiten, und sein Gehirn verarbeitet Milliarden von Duftmolekülen pro Sekunde. Alles andere blendet er aus. Euer Kommando „Sitz!“ wird zu einem leisen, unverständlichen Flüstern aus einer fernen Galaxie. Euer Ziehen an der Leine? Ein leichtes Ziepen, das er kaum wahrnimmt, während sein Körper sich bereits auf „Jagdmodus“ umstellt.
Und dann der Startschuss: Sobald die Duftspur stark genug ist, ist da kein Halten mehr. Sein Körper wird zu einem einzigen Muskelpaket, das nur ein Ziel hat: die Quelle des Geruchs. Er sprintet los, seine Beine pumpen wie Kolben, seine Augen sind auf den Horizont fixiert, auch wenn er noch nichts sieht. Er riecht das Wild, und das ist genug.
Für den Hund ist dieser Moment pure Adrenalin und Instinkt. Es ist die Erfüllung seiner tiefsten Bestimmung. Und während er durch den Wald fegt, ist er nicht mehr euer kuscheliger Sofagenosse, sondern ein prähistorischer Jäger, der dem Ruf der Wildnis folgt. Ob er das Wild am Ende erwischt oder nicht, ist fast nebensächlich. Allein die Jagd, das Verfolgen der Spur, ist die größte Belohnung. Und wenn er dann, fünf Minuten später, außer Atem und voller Kletten, wieder bei euch ankommt, blickt er euch mit den Augen eines Siegers an und fragt sich, warum ihr so einen Aufriss macht. Er hat doch nur seiner Nase und seinem Herzen gefolgt!
Na klar, da gehen wir doch mal ins Detail, wie du deinen Hund lesen kannst, bevor er zum „Jäger 2.0“ mutiert! Denn die Körpersprache ist der Schlüssel, um vorausschauend handeln zu können.
Kapitel 3: Die Körpersprache des Hundes – Dein Frühwarnsystem
Bevor dein Hund wie von der Tarantel gestochen durch den Wald flitzt, sendet er dir in der Regel deutliche Signale. Es ist wie ein Countdown, den du lernen kannst zu entschlüsseln:
- Die „Nase klebt am Boden“-Phase: Das ist der erste Hinweis. Dein Hund, der sonst vielleicht eher entspannt schnüffelt, wird plötzlich hoch konzentriert. Seine Nase arbeitet wie ein Staubsauger, die Atmung kann intensiver werden, während er versucht, möglichst viele Duftmoleküle aufzunehmen. Sein Tempo wird langsamer, fokussierter.
- Deine Reaktion: Das ist der ideale Zeitpunkt, um die Aufmerksamkeit deines Hundes einzufordern. Sprich ihn an, biete ihm ein Leckerli an oder wechsle kurz die Richtung. Lenke ihn ab, bevor der Reiz zu stark wird.
- Die „Starre und Antenne“-Phase: Wenn die Witterung intensiver wird, siehst du, wie sich der gesamte Körper deines Hundes verändert. Er friert ein, manchmal mit einem leicht gebeugten Kopf, die Augen fixieren eine unsichtbare Stelle. Die Ohren drehen sich wie Radarschüsseln in die Richtung, aus der der Geruch kommt. Oftmals ist der Schwanz hoch erhoben, steif und manchmal vibrierend, aber nicht mehr wedelnd. Die Muskulatur ist angespannt, bereit zum Absprung. Es ist, als würde er sich innerlich auf den Sprint vorbereiten.
- Deine Reaktion: Hier ist schnelles Handeln gefragt. Leine deinen Hund sofort an, wenn er nicht bereits an der Leine ist. Ein deutliches, aber ruhiges „Hier!“ oder „Sitz!“ kann ihn noch erreichen. Wenn er reagiert, belohne ihn massiv! Wenn er schon sehr fixiert ist, kann es helfen, ihn sanft aus der Bewegung zu nehmen oder kurz die Blickrichtung zu ändern, um ihn aus der Starre zu holen.
- Die „Losgelöst und Taub“-Phase: Wenn dein Hund losstürmt, ist er in seinem Element. Seine Ohren sind auf Durchzug geschaltet, deine Rufe dringen nicht mehr zu ihm durch. Sein Fokus ist voll und ganz auf das unsichtbare Wild gerichtet. In diesem Moment ist es oft zu spät für Kommandos – der Instinkt hat die Oberhand gewonnen.
- Deine Reaktion: Wenn du diese Phase nicht verhindern konntest, bleibe ruhig. Renne nicht hinterher, das spornt ihn nur noch an. Bleib an Ort und Stelle und rufe ihn weiterhin, aber ohne Panik. Warte, bis er von sich aus zurückkommt. Wenn er das tut, lobe ihn trotzdem überschwänglich, auch wenn er nicht sofort reagiert hat. Er hat sich entschieden, zu dir zurückzukommen, und das ist ein Erfolg. Arbeite dann intensiv am Rückruf in ablenkungsreichen Umgebungen.
Zusätzliche Tipps zur Körpersprache:
- Der „Wind-Check“: Viele Hunde heben den Kopf, wenn sie Wild riechen, und schnüffeln gegen den Wind. Das ist ein starkes Indiz.
- Veränderung der Gangart: Ein plötzliches Innehalten, ein Schleichen oder ein angespanntes, langsames Vorwärtsschieben können erste Anzeichen sein, bevor der Sprint beginnt.
- „Fixieren“: Die Augen deines Hundes sind starr auf einen Punkt gerichtet, selbst wenn du dort nichts siehst.
Indem du die feinen Nuancen in der Körpersprache deines Hundes lernst zu lesen, bevor er komplett in den Jagdmodus übergeht, kannst du viel proaktiver handeln. So minimierst du das Risiko für dein Wild und deinen Hund und schützt die Natur. Es ist ein ständiger Lernprozess, aber ein Blick in die Seele (und Nase!) deines Hundes lohnt sich immer!

One response
Mega toll geschrieben.
Wenn man mit Matthias schon mal arbeiten durfte, kommt man aus dem schmunzeln gar nicht mehr raus.
Es macht mir einfach Spaß meinen Freddy immer ein Stück mehr zu verstehen, ihn lesen zu lernen und beobachten zu können, wie sich wieder ein bisschen mehr Bindung aufbaut.
Viele denke sie kennen ihren Hund und sind tief mit ihm verbunden. Ich sehe nun wieviel mehr da eigentlich noch möglich ist. Der Moment wenn dein Hund mit dir zu sprechen beginnt. Wenn man sich mit ihm unterhalten kann …
Ich freue mich schon auf unseren nächsten Spaziergang !